Annette Wehrmann als Autorin
Von Carsten Klook
Neben ihren Texten zur Kunst verfasste Annette Wehrmann auch Literarisches. Mit ihren Lesungen von auf Luftschlangen verfassten Texten, in denen Alltagsbeobachtungen mit philosophischen und ästhetischen Fragestellungen verknüpft werden, demonstrierte Annette Wehrmann, dass Visuelle Poesie eine dreidimensionale Angelegenheit sein kann. Sie gestaltete diese zu eindrucksvollen Performances, bei denen sie auf einer Leiter stehend von den zuvor in den Raum gehängten Luftschlangen las. Dabei entpuppte sie sich als Meisterin des verrückbaren Hochsitzes, mit dem sie die Räume eroberte. In einer ebenso artifiziell wie leichtfertig erscheinenden Art wurde sie dabei zur Strangulatorin der Erzählstränge. Sie zog und straffte die Schlangen, deren Einsatz eigentlich für Karneval und Silvester vorgesehen ist, in beiden Händen, um den darauf verfassten Text verwindungsfrei lesen zu können. Das wirkte lustig und luftig. Dass ihre Schlangen dabei oft arg strapaziert wurden, weil sie sich ständig verdrehten, gehörte nicht nur zur Performance, sondern stellte auch das Behauptete im Text der Zartheit und Zerbrechlichkeit des Textträgers gegenüber: eine spannungsreiche Korrespondenz. Und eine leider maßlos unterschätzte Form der Literaturpräsentation, die Annette Wehrmann erfunden hat.
Die Luftschlangen-Texte bestehen aus verflochtenen Beobachtungen täglicher Begebenheiten, sind Geschichten von handlesenden Nazi-Esoterikerinnen, sind Sätze vom Starren, vom Geldmangel, vom Abnehmenwollen und dem Zerstören dieses Plans durch Fressattacken. Geschichten, die von internationalen Haufen angereister Revolutionäre handeln und vom Bananenessen mit Contras und von Ottensen erzählen. Von Gefühlen in durchweichten Schuhen und unter elektrostatisch aufgeladenen Haaren, vom Kratzen, Jucken und von Popeln, von Fluchtwegen, Rundum-Blicken und Diebstahl, von Makrobiotik und ungesunden Drogen. Von Fantasien mit Tortenstücken, vom Abhängen auf öffentlichen Plätzen, von aufgeschnappten Sprechblasen. Zum Beispiel. Und von: Kunst im sozialen Kontext.
Annette Wehrmanns Luftschlangentexte ergeben eine realistische Collage des Denkens und Lebens in Wohnungen und Köpfen, auf den Straßen und in den U-Bahnen – ohne Beschönigungen, falsche Eitelkeiten und sogenannte Ästhetisierungen. Ganz im Sinne eines Rolf Dieter Brinkmanns, den sie sehr verehrte, sind ihre Texte entlarvend. Annette war auch eine große Anhängerin des Tagebuchjournals “Der Autor als Souffleur” von Undine Gruenter und zog dieses Buch all den fiktionalen Erzählungen und Romanen Gruenters vor, weil die Texte darin ungewöhnlich direkt, hochanalytisch und unverfälscht sind. Annette Wehrmanns Durchdringungen gesellschaftlicher Grund- und Lebensbedingungen machten auch nicht Halt vor den seltsamen Ritualen und nicht minder spießigen Konventionen der Gegenkulturen.
Es sind Texte, die in den heutigen Literaturbetrieb kaum Eingang finden, weil sie zu ungeschönt sind, too rough. Unverstellt und ohne Koketterie. Sie unterwerfen sich keinem Diktat eines stimmigen fiktionalen Korsetts, einer Dramaturgie oder verengenden Erzählstruktur. Sie handeln von Augenblicken, Momenten, sind montierte Szenen und Gedanken, die nicht an Gültigkeit verlieren, weil sie eine Erzählhaltung und Weltsicht ausstellen und darüber hinaus diese auch reflektieren.
Annette Wehrmann ist eine Literatur gelungen, die nicht versucht, einen eigenen Status zu installieren, aufrechtzuerhalten, oder zu überhöhen. Es sind unverstellte Texte. Mit all den Pausen im Vortrag und Stretchings des Materials, auf dem sie getippt worden sind. Eine literarische Performance, die Raum einnimmt: das Luftschlangen-Prinzip, spreading in the air.
Im journalistisch-essayistischen Text “Vorsprechen im Schauspielhaus”, am 21. Februar 2009 auf der Internetplattform “The Thing” veröffentlicht, untersuchte Annette Wehrmann die skandalösen Arbeitsbedingungen des Hartz-IV-Chors im Theaterstück “Marat, was ist aus unserer Revolution geworden” und stellte damit den herrschenden, medialen Kanon infrage.
Sie schrieb: “Lösch bzw. das Schauspielhaus als Arbeitgeber bedient sich also genau jener Formen der Ausbeutung, die die Inszenierung anprangern möchte, und dies nicht nur aus finanziellen Gründen. Miefiger Authentizitätskitsch bildet das konzeptuelle Gerüst der Inszenierung, weshalb die Chormitglieder auch nicht angemessen entlohnt werden können: Wenn Lösch bzw. das Schauspielhaus sich also genau jener Formen der Ausbeutung, die die Inszenierung anprangern möchte, und dies nicht nur aus finanziellen Gründen. Miefiger Authentizitätskitsch bildet das konzeptuelle Gerüst der Inszenierung, weshalb die Chormitglieder auch nicht angemessen entlohnt werden können: Wenn Lösch bzw. das Schauspielhaus sich um eine angemessene Honorierung bemüht hätten, dann wären die Choristen ja keine authentischen Hartz-IV-Empfänger mehr, somit für die Behauptung von Authentizität ungeeignet.”







